Zum Nachdenken und Nachfühlen

Unter dieser Rubrik finden Sie Zitate, die wir in der Literatur gefunden haben und die wir einfach weitergeben möchten, weil sie so schön und/oder so schlau sind, jedenfalls nach unserem Geschmack. Natürlich dreht es sich meistens um das Thema Natur. Manchmal konnten wir es auch nicht lassen, ein klein wenig eigenen Senf hinzuzugeben. Wir hoffen, dass wir damit die "Speise" nicht völlig verdorben haben.

Zum Nachdenken und Nachfühlen (36)

„Der Ökologe Michael Succow hat bereits 1990 den Gedanken in die Diskussion eingeführt, dass Arten auch einen kulturellen Wert haben. Gerade die für die Kulturlandschaft typischen Arten, wie Hase, Storch, Lerche, Rebhuhn, Bläuling, Kornblume oder Wiesenchampignon sind auf das Engste mit unserer Kulturgeschichte verwoben. Sie alle sind besonders lichtliebende Arten – und als solche auch im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Wenn sie verschwinden, wird es auch in uns dunkler. Das Artensterben in der Agrarlandschaft ist also nicht nur ein biologisches Problem, sondern auch ein Bestandteil kulturellen Verfalls. Eine landschaftlich und biologisch ausgeräumte Flur, in der man nirgendwo mehr seinen Kindern einen Hasen, ein Rebhuhn oder eine Blumenwiese mit Schmetterlingen zeigen kann, ist in kultureller Hinsicht mit einer zerbombten Stadt vergleichbar.“

Michael Beleites, „Land-Wende. Raus aus der Wettbewerbsfalle!“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (35)

„Besonders unvergeßlich aber war mir stets, was Alphonso uns damals über das Leben und Sterben der Motten erzählte, und noch heute bringe ich ihnen unter allen Kreaturen die größte Ehrfurcht entgegen. In den wärmeren Monaten geschieht es nicht selten, daß sich der eine oder andere Nachtflügler, aus dem kleinen Stück Garten hinter meinem Haus zumit herein verirrt. Wenn ich am frühen Morgen dann aufstehe, sehe ich sie still irgendwo an der Wand sitzen. Sie wissen, glaube ich, sagte Austerlitz, daß sie sich verflogen haben, denn wenn man sie nicht vorsichtig wieder nach draußen entläßt, so verharren sie reglos, bis der letzte Hauch aus ihnen gewichen ist, ja sie bleiben, festgehalten durch ihre winzigen, im Todeskrampf erstarrten Krallen, am Ort ihres Unglücks haften bis über das Lebensende hinaus, bis ein Luftzug sie ablöst und in einen staubigen Winkel verweht. Manchmal beim Anblick einer solchen in meiner Wohnung zugrunde gegangenen Motte frage ich mich, was für eine Art Angst und Schmerz sie in der Zeit ihrer Verirrung wohl verspüren. Wie er von Alphonso wisse, sagte Austerlitz, gebe es eigentlich keinen Grund, den geringeren Kreaturen ein Seelenleben abzusprechen. Nicht nur wir und die mit unseren Gefühlsregungen seit vielen Jahrtausenden verbundenen Hunde und anderen Haustiere träumten in der Nacht, sondern auch die kleineren Säugetiere, die Mäuse und Maulwürfe, halten sich schlafend, wie man an ihren Augenbewegungen erkennen kann, in einer einzig in ihrem Inneren existierenden Welt auf, und wer weiß, sagte Austerlitz, vielleicht träumen auch die Motten oder der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond hinaufblickt in der Nacht.“

W.G. Sebald (1944-2001), „Austerlitz“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (34)

Die Gewißheit, daß die Dinge Seelen haben, lebt in den Kindern, in den Tieren und in den Einfältigen.
Ich habe gesehen, wie Kinder einem rohen Stück Holz oder einem Stein das Tun eines lebendigen Wesens verliehen; wie sie ihnen eine Handvoll Gras brachten, und als ich das unvermerkt wegnahm, fest überzeugt waren, jene Dinge hätten es gefressen.
Das Tier unterscheidet keine Arten der Tätigkeit. Ich habe gesehen, wie Katzen lange Zeit hindurch Dinge, die ihnen zu heiß waren, kratzten. Darin liegt auf Seiten des Tieres etwas von einem Kampf gegen ein Ding, das nachgeben und vielleicht sterben kann.
Ich glaube, nur durch eine besondere, aus falscher Eitelkeit kommende Erziehung legt der Mensch solche Anschauungen ab. Ich wenigstens sehe keinen großen Unterschied zwischen einem Kinde, das einem Stück Holz zu essen gibt, und dem inneren Grunde gewisser Opfergaben primitiver Religionen. Und wenn man des Glaubens ist, am Tage der Geburt von Kindern gepflanzte Gewächse verkümmerten und verdorrten, sobald die Kinder krank werden und sterben – was bedeutet das anders, als den Bäumen eine Anhänglichkeit an uns verleihen, die stärker ist als das Leben selbst.“
Francis Jammes (1868-1938)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (33)

„Mir gibt es sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend, wenn ich bei dem kleinsten Wasser forsche, wohin es läuft, zu welcher Flußregion es gehört. Man findet alsdann, selbst in Gegenden, die man nicht übersehen kann, einen Zusammenhang der Berge und Täler gedankenweise.“
Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (32)

„Versuchen wir einmal, uns zu erinnern an einen eindrucksvollen Aufenthalt in einem noch naturnahen Gebiet, an eine Landschaft, die wir am Wochenende oder im Urlaub gerne aufsuchen, uns dort aufhalten, Natur erleben. Versuchen wir weiter, uns an die Empfindungen, Gedanken, Gefühle zu erinnern, die wir dort gehabt haben oder die wir beim Auflebenlassen der Erinnerung damit verbinden.
Sind es Gedanken an Ökosysteme, Stabilität, Regelfunktionen, an Rote Listen, ökonomischen Nutzen, Gen-Potential? Oder sind es gar keine Gedanken, sondern ein alle Sinne einbeziehendes Wahrnehmen, ein irrationales, transzendentes Wahrnehmen, ein Gefühl, das wir nicht beschreiben können, das wir aber immer wieder haben, wenn wir etwas von selbst Gewordenes, Wildes, Ursprüngliches, nicht vom Menschen Geschaffenes, eigentlich ‚Nutzloses‘ um uns haben?
Und wenn wir dann in amtlicher Eigenschaft, als Planer, als Angehöriger einer Naturschutzbehörde, als Wissenschaftler für den Schutz des gleichen Gebietes argumentieren, führen wir dann das auf, was uns selbst so wichtig war, oder werden wir dann nicht ‚rational‘, argumentieren ‚ökologisch‘, ‚wissenschaftlich‘, ‚nachvollziehbar‘, ‚quantitativ‘?
Ich meine, dass die Argumente, mit denen wir für den Schutz der Natur eintreten, in Wirklichkeit gar nicht diejenigen sind, weshalb Natur uns selbst wichtig ist. Unsere Argumentation ist aufgesetzt, unaufrichtig, ist so wie ‚man‘ argumentiert, so wie die Gesellschaft argumentiert. Wie können wir eigentlich erwarten, erfolgreich für die Natur einzutreten, wenn wir gar nicht – oder höchstens wenn wir ‚außer Dienst‘ sind – sagen, warum sie uns in Wirklichkeit wertvoll ist? Wenn wir wissenschaftlich, rational, quantitativ oder ökologisch argumentieren, lassen wir uns auf die Argumentationsweise derjenigen ein, die die Natur umwandeln, zerstören. Wie können wir erwarten, erfolgreich Naturschutz zu betreiben mit den Argumenten der Naturzerstörer?“
Erich Bierhals

Zum Nachdenken und Nachfühlen (31)

„So wie der Mensch ist auch jede Landschaft einmalig, einzigartig, unwiederholbar. Landschaft ist demzufolge genauso kostbar wie der Mensch. Das Bindeglied zwischen beiden ist die Ästhetik.“  
Hans Hermann Wöbse, „Landschaftsästhetik“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (30)

„Unzählige Male gehen wir durch die freie Natur und nehmen, mit den verschiedensten Graden der Aufmerksamkeit, Bäume und Gewässer wahr, Wiesen und Getreidefelder, Hügel und Häuser und allen tausendfältigen Wechsel des Lichtes und Gewölkes - aber darum, daß wir auf dies einzelne achten oder auch dies und jenes zusammenschauen, sind wir uns noch nicht bewußt, eine ‚Landschaft‘ zu sehen. Vielmehr gerade solch einzelner Inhalt des Blickfeldes darf unsern Sinn nicht mehr fesseln. Unser Bewußtsein muß ein neues Ganzes, Einheitliches haben, über die Elemente hinweg, an ihre Sonderbedeutungen nicht gebunden und aus ihnen nicht mechanisch zusammengesetzt - das erst ist die Landschaft.“
Georg Simmel (1858-1918)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (29)

„Wer beobachtet eine Pflanze, einen Baum auf seinem jährlichen Lebenskreis? Das Schicksal eines Grases vom Schmelzen des Schnees bis zum letzten Raub, das kurze Aufblühen und lange unterirdische Harren eines Knollengewächses, das Ergrünen und Welken eines Laubbaums, das Los eines Rosenstrauchs, bis Sturm ihn entblättert?“
Karl Alfons Meyer (1883-1969), „Von Frau Haselin zu Freund Hein“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (28)

„Pflanzen sind wirklich mehr, als sie uns scheinen. Pflanzen sind Vermittler zwischen der dunklen feuchten Erde und der lichten Himmelswelt, zwischen dem unbelebten Mineral- und dem beseelten Tierreich. Sie sind ‚sinnliche-übersinnliche‘ Wesen. Sie stehen mit einem Fuß in der jenseitigen, mit dem anderen in der hiesigen Welt, und vermitteln zwischen beiden. Sie sind heile Wesen. Und weil sie heil sind, können sie auch uns heilen, unsere leidenden Leiber wie auch unsere verwundeten Seelen.
Dem Pflanzenwesen kommt man vor allem durch das Tor der Sinne näher. Genaues Hinsehen, Hineinsehen, mit der Seele sehen, bis das Sehen zum Schauen geworden ist – das ist eine Voraussetzung der Annäherung. Ein Fotoapparat kann dabei dem liebenden Sehen einen Fokus geben und das Geschaute an andere weitervermitteln.“
Wolf-Dieter Storl, „Die Seele der Pflanzen“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (27)

„Bis hierher sind sie noch nicht gekommen. Hier ist noch nichts ‚verbessert’. Hier ist schlechte Erde, herrlicher, saurer Boden, kein Humus, wie sie ihn benötigen für ihre Kohlregimenter. Wunderbare Unkräuter gedeihen in diesem Niemandsland. Ackerkratzdistel und bunter Hohlzahn, Leinkraut, Mohn und Moschusmalve, Storchschnabel und Natternzunge. Allein schon ihrer Namen wegen dürfte man die Taugenichtse unter den Pflanzen nicht ausrotten. Seitdem ich den Kosch kenne, Linne wird mir erst später begegnen, habe ich neue Augen. Auf einem Quadratmeter Wiesland stellte ich früher ungefähr drei Pflanzenarten fest. Heute entdecke ich auf demselben Fleck deren zehn und mehr. Wenn ich mich im Naturführer des Alois Kosch umgeschaut habe, fällt mir das Jäten schwer. Die Pflanzen, die ich ausraufen wollte, sind nicht mehr namenlos. Durch das Buch, worin ich ihr Bildnis sah und ihren Namen las, hat sich meine Beziehung zu den Unkräutern verändert. Entfernte Bekannte sind Freunde geworden. Ich kenne ihre Gesichter, ihre Gewohnheiten, ich nenne sie beim Namen, ich liebe sie. Selbst das Läusekraut verdient seinen Platz auf Erden. Im Gehen streife ich über die Blütenschöpfe, denen das Leben abgesprochen wurde. Segnung. Ich berühre sie, sie berühren mich. Gegenseitig vertrösten wir uns auf eine bessere Zukunft, da auch Hexenkräuter eine Chance haben werden. Da man Straßen in Wege, Autobahnen in Äcker, Äcker in Moore und Moore in Wälder zurückverwandeln wird. Eine Utopie, klar. Die Rettung der Erde ist eine Utopie. Gegen die Gewalt, die ihr angetan wird, setzt sie sich so langsam zur Wehr, daß ihre Vergewaltiger diese Bewegung zur Freiheit hin nicht wahrnehmen können und nicht wahrhaben wollen.“
Erika Burkart (1922-2010), „Der Weg zu den Schafen“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (26)

„Aber trotz allem ist nicht die Frucht der höchste Ruhm des Obstbaums, nicht sie hinterläßt uns das nachhaltigste, das leidenschaftlich geschaute Bild – sondern sein flüchtiges Blühen: der weiße Muff am Arm des Kirschbaums, die kurzlebigen, weißgrünen Sterne am Pflaumenbaum, die milchige Weiße, gespickt mit braunen Staubgefäßen, der Birnbäume, und schließlich die Apfelblüte, weiß wie Rosen, rosig wie morgendlicher Schnee. Innerhalb von acht Tagen kommt dieser duftige Schaum, kommen diese Schwäne, diese Geister, diese Engel zur Welt, schenken uns ihre Brandung, vergehen und sterben verstreut. Aber neben dieser einen Woche verblaßt unser Gedenken an die dauerhaftere, derbere, fröhlichere Pracht der Obstzeit. Wir wägen eine herrliche Birne in der Hand, die fast zu groß ist für unseren Griff, und sagen: ‚Erinnerst du dich, wie auf jenem Hügel alle Birnbäume an einem Tag erblüht sind?‘“
Colette (1873-1954)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (25)

Gespannt werden die Imker in diesen Tagen auf ihre Bienenstöcke blicken. Wie werden ihre Bienen oder besser Völker den Winter überstanden haben, wie groß werden die Verluste sein? Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson liefert uns mit dem folgenden Zitat einen kleinen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Bienenzüchters, der etwas gewöhnungsbedürftig anmutet. Aber vielleicht ist eine solch „überindividuelle Sichtweise“ unumgänglich, wenn man mit derartigen Massen von Individuen umgeht, wie sie ein Bienenstock beherbergt?

„Wenn ein Bienenvolk stirbt, ist das ungefähr so, als wäre ein Tier gestorben. Man vermißt eine Persönlichkeit, fast wie bei einem Hund oder zumindest einer Katze.
Eine tote Biene ist einem völlig gleichgültig; man fegt sie einfach weg.
Das Sonderbare ist, daß die Bienen genau die gleiche Einstellung haben. Einen so totalen Mangel an Interesse für den Tod der anderen gibt es nicht bei vielen Tierarten. Zerdrücke ich ein paar Bienen, wenn ich einen Rahmen zu nachlässig einsetze, dann schleppen die anderen sie weg, als handele es sich um irgendwelche kaputten Maschinen. Aber zuerst holen sie sich immer die Pollen, falls welche da sind.
Wenn sie es nun selbst auf die gleiche Art empfinden? Daß es der Schwarm ist, der die Individualität, die Intelligenz darstellt.
Es gibt enorm persönliche Völker. Es gibt faule und fleißige, aggressive und sanfte Bienenvölker. Es gibt sogar leichtsinnige und unsolide, und weiß der Teufel, ob es nicht Völker gibt, die Sinn für Humor haben, und andere, denen er fehlt.
Zum Beispiel das Schwarmfieber! Das ist genau wie bei einem nervösen, launigen, ungeduldigen Menschen. Schlechter Liebhaber; keine Geduld.
Und die einzelne Biene ebenso unpersönlich wie ein Rädchen oder eine Schraube in einem Uhrwerk.“
Lars Gustafsson, „Tod eines Bienenzüchters“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (24)

„Um die Wahrheit zu sagen, wenige Erwachsene können die Natur sehen. Die meisten sehen die Sonne nicht. Zumindest ist ihr Sehen sehr oberflächlich. Die Sonne bescheint nur das Auge des Mannes, aber in das Auge und das Herz des Kindes scheint sie hinein. Derjenige ist ein Naturliebhaber, dessen innere und äußere Sinne noch wahrhaft übereinstimmen; wer sich den Geist der Kindheit noch bis hinein in die Jahre des Mannesalters erhalten hat. Sein Verkehr mit dem Himmel und der Erde wird ein Teil seiner täglichen Nahrung. In der Natur durchströmt den Menschen wunderliches Wohlbehagen trotz all seiner Sorgen. Die Natur spricht – er ist mein Geschöpf, und trotz all des bedrängenden Kummers soll er mit mir glücklich sein.“
Ralph Waldo Emerson (1803-1882), „Natur“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (23)

„Das Schönste, was es in der Welt gibt, ist ein leuchtendes Gesicht.“
Albert Einstein (1879-1955)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (22)

Der Winter hat uns weiter fest im Griff. Natur und Landschaft sind in Weiß gehüllt. Wir aber beschäftigen uns lieber mit einer anderen Farbe und einer „fröhlicheren Zeit“:

 „Karfreitag, drei Uhr am Nachmittag: sich bücken zu dem frischen Gelb, dem Ganz-Gelb des Löwenzahn im hohen Gras, mit viel kürzeren Stengeln hier als ‚bei uns‘ – und dazu der Gedanke: Wer versteht heute so ein Sichbücken? Aber im Mittelalter hätte man es verstanden, daß ein Fremder sich so hinhockt, zur Betrachtung des Nichts-und-wieder-Nichts – Allesgelb ist dieser Löwenzahn – sogar sein bitterer Geruch ist gelb; noch inständiger als etwa die Rose ist er, mit seinen hundertfältigen Blütenblättern, den zarten, oben zwiegespaltenen Stempeln, den gelbgelben, das Bild der Endlosigkeit –“
Peter Handke, „Gestern unterwegs“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (21)

Der Winter hat Einzug gehalten und die Bienen haben sich zurückgezogen in ihren „Bau“, um diese harte und traurige Zeit gemeinsam zu überstehen. Wir indessen machen uns Mut mit einem Zitat. Der nächste Frühling kommt bestimmt.

„Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was vielleicht mehr wert ist, als Honig und Wachs: sie lenken seinen Sinn auf den heiteren Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den Zauber der schönen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteilhaben, verknüpft sich in der Vorstellung mit blauem Himmel des Sommers, die Uhr derStunden des Überflusses, der schnelle Flügel der aufsteigenden Düfte, der Geist und Sinn des strömenden Lichtes, das Lied der sich dehnenden ruhenden Luft, und ihr Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der tausend kleinen Freuden, die von der Wärme erzeugt sind und im Lichte leben. Sie lehren uns die zarteste Stimme der Natur verstehen, und wer sie einmal kennen und lieben gelernt hat, für den ist ein Sommer ohne Bienensummen so unglücklich und unvollkommen, wie ohne Blumen und ohne Vögel.“
Maurice Maeterlinck, „Das Leben der Bienen“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (20)

„Aber etwas gibt es, das uns davor bewahren kann, das Kinderland als das verlorene Paradies betrachten zu müssen, das ist die Natur. Wer gelernt hat, auf seinen Spaziergängen auf die Pflanzen und Tiere zu achten, dem wird auch der unscheinbarste Feldweg zum Erlebnis. Und die ewig jugendliche Schöpfung gibt auch dem alten Manne Jugend, er kann sich über einen im Frühling wiederkehrenden Singvogel ebenso freuen wie ein Kind. Die Heimat ist das Land, in dem wir Kinder waren, gewiß, und den wenigsten ist es vergönnt, an dieser Stätte bis zum Tode zu bleiben. Aber wenn das Haus, das Zimmer, ja auch die Stadt ihre Besonderheit haben, die wo anders nicht wiederkehrt, die Natur geleitetet ihre Pflanzenkinder von der Ostsee zu den Alpen, und Wald und Wiese, Fluß und See kehren in allen Teilen des Vaterlandes wieder. So erweitert uns die Natur die Heimat, und wir erleben das Kinderland auch dort wieder, wo uns das Schicksal hingeführt hat. Dieses Wiedererleben kennzeichnet sich durch besonders tiefes und glückliches Ergriffenwerden, spüren wir das, so wissen wir, die Kindheit spricht zu uns. Und der Geruchssinn ist es, der uns am tiefsten in das Land der Erinnerung führt. Der Duft eines vorüberziehenden Heuwagens löst in mir immer, wie einst in Dahlen, ein besonderes Glücksgefühl aus, und auf dem Hochschwarzwald fühle ich mich deshalb so wohl und heimatlich, weil er mit seinen Mooren und Fichtenwäldern denselben Geruch ausströmt, wie das Baltenland, wie auch verschiedene Pflanzen, die Moosbeere, die Rosmarinheide, die Rauschbeere, das Torfmoos und stellenweise sogar der Sumpfporst, hier wie dort vorkommen.“
Konrad Guenther (1874-1955), „Ein Leben mit der Natur“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (19)

„Es ist besser, einen Berg zu kennen, als viele zu besteigen.“
Indianersprichwort

Zum Nachdenken und Nachfühlen (18)

„Die Luft als vielfältige eigenartige Landschaft tritt am deutlichsten im Wetter in Erscheinung. Dramatische Wolkenlandschaften fesseln unser Auge, insbesondere hochgetürmte Cumuli über aufwirbelnder Warmluft an Sommertagen. Gewitterwände ziehen finster drohend auf. Hohe Cirruswolken, von Eisnadeln gebildet, verheißen Regenwetter, zumal wenn sie als feine Schleier die Sonne mit einem ‚Halo‘, einem weißen Ring umgeben.
Das Wetter hat großen Einfluß auf uns. Morgen- und Abendröte oder klarer Sternenhimmel, sagt man, schenken tiefere Gedanken; Himmelsblau stimmt das Gemüt heiter, düstere Regenwolken, sogenannte Nimbo-Stratus, drücken es nieder. Die durchbrechende Abendsonne, Wolkenränder vergoldend, strahlt wie Hoffnungsvision. Starke Gemütswirkung strahlen auch die Winde aus. Jeder kennt das plötzliche Umspringen der Jahreszeit am Winterende, wenn manchmal innerhalb von Minuten eine kaum meßbare milde Strömung alles verändert, mit dem Duft von Erden und Feuchtem neues Wachstum und Zuversicht bringt. Staunend sehen wir im Föhn, dem trocken vom Gebirge herabkommenden Fallwind, die Herbstwälder aufflammen, ehe Stürme im Laub wühlen, es loszerren und über Land treiben.“
Barbara von Wulffen, „Lichtwende“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (17)

„Zur Linken sah ich schon das erste Windkraftmonster, bald sollen 90 weitere in einer Höhe von 200 Metern folgen...Die Windkraftmonster, eine Mogelpackung auf der Höhe von 2012, als wäre es ein Beitrag zur Verbesserung der Welt, nun wurde der Atomstrom von den maroden Anlagen Frankreichs eingeführt. Und den fremdbestimmten Menschen, den wieder entmündigten Verbrauchern, wurde noch das letzte genommen: ihre Welt. Die Menschen waren freilich verschieden, zwar hatten alle etwa an derselben Stelle ihre Augen im Kopf, doch manche schienen blind zu sein, Anomalien wie Farbblindheit gab es ja auch.
...
Summa: Es war die Welt von heute, die ich beim Fahren über Land durch die leergeräumte Welt Oberschwabens sah, als wäre sie nun auch leergeträumt. ‚Leergeräumt‘ waren freilich nur ihre Felder. Sonst war einiges dazugekommen, wie ich sah, denn leben muss der Mensch ja auch von etwas, ich weiß schon, aber vielleicht wäre es auch etwas anders gegangen: All die Umgehungsstraßen und die grauenerregend zersiedelten ‚Gewerbeparks‘, die nun zur kleinsten Siedlung gehörten, mit ihren Solaranlagen, die aus jedem Dorf eine Dorfattrappe machten.
Und die verlorenen, flurbereinigten Felder in ‚Ortsrandlage‘ lagen da, als wären sie nun tatsächlich nichts anderes als für die Innovationsindustrie ‚ausgewiesene Fläche‘, da, um für jede Brutalität ein Betätigungsfeld zu bieten. Und nun drohten der ganzen Gegend, die ich durchfahren hatte, auch noch die Windkraftmonster. Das schlechte Gewissen der Profiteure erklärte die in Aussicht gestellte Zerstörung zu einer ökologischen Heldentat. Die Menschen hier hatten sich seit den Bauernkriegen niemals wieder gewehrt: da war ihr Freiheitsdrang wohl totgeschlagen. Da wurde also verfügt, was aus diesem Land werden soll. Es fanden sich vor Ort immer Verbündete, für jeden Irrsinn, mit dem Geld zu machen war. Die Menschen vor Ort mussten es büßen, die mit Schlagwörtern wie ‚Innovation‘ traktiert wurden, welches das missliebig gewordene ‚Investition‘ verdrängt hatte, so wie längst das Wort ‚arm‘ aus dem Verkehr gezogen war von den Experten und durch ‚strukturschwach ersetzt.“
Arnold Stadler, „Auf dem Weg nach Winterreute. Ein Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (16)

Distelfalter

„Alles Sichtbare ist Ausdruck, alle Natur ist Bild, ist Sprache und farbige Hieroglyphenschrift. Wir sind heute, trotz einer hoch entwickelten Naturwissenschaft, für das eigentliche Schauen nicht eben gut vorbereitet und erzogen, und stehen überhaupt mit der Natur eher auf Kriegsfuß. Andere Zeiten, vielleicht alle Zeiten, alle früheren Epochen bis zur Eroberung der Erde durch die Technik und Industrie, haben für die zauberhafte Zeichensprache der Natur ein Gefühl und Verständnis gehabt, und haben sie einfacher und unschuldiger zu lesen verstanden als wir...
...jedesmal wenn ich mit dem Auge oder mit einem anderen Körpersinn ein Stück Natur erlebe, wenn ich von ihm angezogen und bezaubert bin und mich seinem Dasein und seiner Offenbarung für einen Augenblick öffne, dann habe ich in diesem selben Augenblick die ganze habsüchtige blinde Welt der menschlichen Notdurft vergessen, und statt zu denken oder zu befehlen, statt zu erwerben oder auszubeuten, zu bekämpfen oder zu organisieren, tue ich für diesen Augenblick nichts anderes als ‚erstaunen‘ wie Goethe, und mit diesem Erstaunen bin ich nicht nur Goethes und aller andern Dichter und Weisen Bruder geworden, nein ich bin auch der Bruder alles dessen, was ich bestaune und als lebendige Welt erlebe: des Falters, des Käfers, der Wolke, des Flusses und Gebirges, denn ich bin auf dem Weg des Erstaunens für einen Augenblick der Welt der Trennungen entlaufen und in die Welt der Einheit eingetreten...“   
Hermann Hesse (1877-1962), „Mit dem Erstaunen fängt es an“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (15)

Die heimische Hundsrose hat schon abgeblüht. Aber die Kartoffel-Rose, auch Apfel-Rose genannt, die aus Ostasien stammt und Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt wurde, ist in dieser Hinsicht ausdauernder und erfreut uns mit ihrer wunderbaren Blüte von Mai bis September. Manche Naturschützer sehen sie als Neophyt nicht so gerne in der Landschaft. Wir betrachten sie eher als Bereicherung und sollten Sie einer begegnen, vergessen Sie nicht an der Blüte zu riechen, denn diesen betörenden Duft werden Sie lange in der Nase tragen.

„Der Rose süßer Duft genügt,
man braucht sie nicht zu brechen –
und wer sich mit dem Duft begnügt,
den wird ihr Dorn nicht stechen.“
Friedrich Martin von Bodenstedt (1819-1892)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (14)

Bau B 169 Ortsumgehng Hundshübel

„Wenn ich mich frage, was uns über die Parteien hinweg, über Interessen und Ermessensfragen hinweg verbinden kann, dann wird es die Trauer sein über das ungeheure Zerstörungswerk, das wir Menschen heute auf unserem Erdball anrichten und von dem jede Tageszeitung an jedem neuen Morgen zu berichten weiß. Vielleicht bleibt uns am Ende nichts mehr als die Trauer über uns selbst, uns Menschen, die offensichtlich unfähig sind, weiterzudenken als bis zum Vorteil des nächsten Augenblicks.“
Jörg Zink, „Kostbare Erde“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (13)

„Und vor allem: Tiere schauen uns an: Die Instrumentalisierung der Tiere, ihre Versachlichung zur Ware, ihre Ästhetisierung und die Leugnung ihrer Innerlichkeit – all das setzt voraus, dass wir dem ernsten und aufmerksamen Blick des Tieres ausweichen. Wir verdrängen, dass nicht nur das Tier für uns existiert, sondern dass auch wir im Blick des Tieres da sind. Das Tier, das uns ansieht, kann uns nicht gleichgültig sein.“
Gernot Böhme, „Die Natur vor uns“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (12)

„Nach dem mächtigen Ausbruch von Frühlingsgrün schenkt uns der Mai die Blumenfreude. Das Wunder der Blüten können wir nie innig genug in uns aufnehmen...Darf ich vom eigenen frühen Erleben ausgehen? Vielleicht erinnert es Sie an etwas Aehnliches! Jahr für Jahr, schon vor der Schulzeit war es für mich eines der größten Ereignisse, wenn die Tulpen sich öffneten, wenn diese große, einfache Blume ihre strahlende Schönheit auftat. Ich staunte versonnen und stumm auf dieses geformte Farbenwunder und hatte nie genug von dem seidenen Schimmer der Blumenblätter und von der Anmut ihrer Linien...die Macht der Gefühle und Eindrücke, die von Naturformen ausgehen, ist die Voraussetzung für jede volle und wirkende Beziehung zur Natur, in der wir leben.“
Adolf Portmann (1897-1982), „Ein Naturforscher erzählt“

Zum Nachdenken und Nachfühlen (11)

„Hundertmal kann ich den Wald vor meinem Fenster gesehen haben, ohne etwas anderes als eben nur das Ding zu erleben, jenes selbe Ding, das auch der Botaniker meint: aber einmal, während er flammt in Gluten der Abendsonne, vermag mich der Anblick meinem Ich zu entreißen; und da erschaut meine Seele plötzlich, was ich noch nie zuvor gesehen, vielleicht nur eine Minute lang, ja vielleicht nur sekundenlang; indes ob nun lange oder kurz, das jetzt erschaute war das Urbild des Waldes und dieses Bild kehrt weder für mich noch für irgend sonstwen jemals zurück.“
Ludwig Klages (1872-1956)

Zum Nachdenken und Nachfühlen (10)

„Schau, mein Kind, was da alles ist! Nur wer etwas weiß, kann zeigen. Wenn aber selbst Biologen kaum mehr Artkenntnisse besitzen und Familien, Gattungen, Arten von Lebewesen nach Eiweiß- und Genanalysen unterscheiden statt nach Gestalten, wenn sie so völlig an der bunten Wirklichkeit vorbeiforschen, dann müssen Laien einspringen. Denn im ökologischen Zeitalter müssen wir vor allem Art und Namen unserer Mitgeschöpfe kennen. Damit muß jeder bei sich selber anfangen, damit kein Kind mehr aufwachse, das nur den Hochhausbalkon, das Innere des Schulbusses und die Nummernschilder von Autos kennenlernt. Auch die städtische Umwelt bietet Natur. Deren Wahrnehmung muß von innerer Ruhe ausgehen, von der Entwicklung eigener Aufmerksamkeit für Baum, Wolke, Wiese.“
Barbara von Wulffen, aus Walter Sauer, „Verlassene Wege zur Natur“, Südmarkverlag, Witzenhausen, 1992

Zum Nachdenken und Nachfühlen (9)

„Und schließlich möchten wir für den Naturschutz auch heute noch ethische und ästhetische Gesichtspunkte ins Feld führen. Alle großen Religionen lehren uns, daß diese Welt die Schöpfung eines Gottes sei, mit allen ihren Blumen und Tieren. Ergibt sich daraus nicht geradezu selbstverständlich, daß wir diese Schöpfung achten müssen, daß wir diesen bunten Garten nicht barbarisch zertrampeln dürfen? Nicht gegen die Nutzung der Tier- und Pflanzenwelt wollen wir uns stemmen, aber wir sollten uns doch bewußt werden, daß es sich um kostbare Geschenke handelt und daß jede Ausrottung einer Tierart Mord ist...
Wir Menschen – das Leben wurde sich in uns wohl zum erstenmal seiner selbst bewußt – betrachten erstaunt die bunte Entfaltung lebendigen Seins, die Blumen, die emsigen Käfer und die Vögel in der Luft. Im freudigen Staunen nehmen wir diese Welt in uns auf und fragen nach einem Sinn, ohne ihn auch nur zu erahnen. Woher der Lebensstrom kommt, wohin er uns alle trägt, wir wissen es nicht. Aber wir wissen heute immerhin eines. Wo immer unsere Sonden im All unsere weitere Nachbarschaft erkunden, sie fanden bisher nur trostlose Wüsten. Einzig unser Planet leuchtet wie ein blaues Juwel in dieser grenzenlosen Öde, bereit, noch für viele Millionen Jahre die Entfaltung weiteren Lebens zu ermöglichen – eine Entfaltung, wie wir hoffen, zu höherer Geistigkeit und größerem Glück.“
Irenäus Eibel-Eibesfeldt

Zum Nachdenken und Nachfühlen (8)

„Es war einmal ein Knabe, der lief jeden Tag ins Freie,
und der erste Gegenstand, den er anschaute,
dieser Gegenstand wurde er,
und dieser Gegenstand wurde Teil von ihm für
den Tag oder einen bestimmten Teil des Tages,
oder für viele Jahre oder weite Ringe von Jahren.

 Der frühe Flieder wurde Teil diese Kindes,
und das Gras und die weißen und roten Zaunwinden, und
der weiße und rote Klee, und das Lied des Phoebetyrannen,
Und die Märzlämmer und die hellrosa Ferkel der Sau,
und das Füllen der Stute und das Kalb der Kuh.“

Walt Whitman (1819-1892)
aus Richard Louv, „Das letzte Kind im Wald – Geben wir unseren Kindern die Natur zurück“, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2011

Zum Nachdenken und Nachfühlen (7)

„Unsere Kinder lernen nicht mehr aus eigener Erfahrung, das große Buch der Natur zu lesen oder kreativ mit den jahreszeitlichen Veränderungen auf unserem Planeten umzugehen. Selten lernen sie, wo das Wasser herkommt oder wohin es geht. Wir bringen unser menschliches Fest nicht mehr mit dem großen Gottesdienst des Himmels zusammen.“
Wendell Berry

Zum Nachdenken und Nachfühlen (6)

„Der Blick in die großen Augen des Waldkauzes, das Versenken in die Ausdrucksmacht dieses Kopfes , dieses Hauptes, mahnt uns daran, was das höhere Tierleben bedeutet. Hier blickt uns ein Wesen an, das sein eigenes Welterleben hat, das Raum und Zeit nach eigenem Artgesetz erlebt. Allem nachzuspüren, was von dieser Innerlichkeit zeugt, von der Struktur des Nervensystems und der Sinnesorgane bis zur Eigenart des Verhaltens, ist eine der großen Aufgaben der zoologischen Arbeit.“
Adolf Portmann (1897-1982), „Biologie und Geist“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1973

Zum Nachdenken und Nachfühlen (5)

„Ich betrachte einen Baum. Ich kann ihn als Bild aufnehmen. Starrender Pfeile im Anprall des Lichtes oder das spritzende Gegrün von der Sanftmut des blauen Grundsilbers durchflossen. Ich kann ihn als Bewegung verspüren. Das flutende Geäder am haftenden und strebenden Kern, Saugen der Wurzeln, Atmen der Blätter, unendlicher Verkehr mit Erde und Luft und das dunkle Wachsen selber. Ich kann ihn einer Gattung einreihen und als Exemplar betrachten, auf Bau und Lebensweise hin. Ich kann seine Diesmaligkeit und Geformtheit so hart überwinden, daß ich ihn nur noch als Ausdruck der Gesetze erkenne. Der Gesetze, nach denen ein stetes Gegeneinander der Kräfte sich stetig schlichtet. Oder der Gesetze, nach denen die Stoffe sich mischen und entmischen. Ich kann ihn zur Zahl, zum reinen Zahlenverhältnis verflüchtigen und verewigen. In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und seine Beschaffenheit. Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, daß ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefaßt werde, und nun ist es kein Es mehr.“
Martin Buber (1878-1965), „Ich und Du“, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2008

Zum Nachdenken und Nachfühlen (4)

„Unser Welterleben ist ein großes und in seiner Wirkweise unbekanntes Ganzes, das verstandesmäßige Erkennen ein Teil, die imaginäre Macht ein zweiter. Wir können es nicht genug vor uns hinstellen, daß das Leben in seinem Gesamten immer mehr ist als das, was eine bestimmte Zeit mit allen ihren rationalen Kräften von ihm in diesem Augenblick auszusagen vermag. Die Grundlage unseres Daseins bleibt außerwissenschaftlich. Es mag seltsam erscheinen, wenn das ein Wissenschaftler sagt, aber es ist eine der Feststellungen, die man immer und immer wieder betonen und die man ganz besonders hervorstellen muß in einer Zeit, in der die wissenschaftliche Ausbildung zwangsläufig einen tagtäglich höheren Wert für uns gewinnt; eine Bedeutung, die heute groß, morgen aber riesengroß sein wird.
Ich bin in dieser Umschau vom nächtlichen Vogelzug ausgegangen, weil in unserer Naturbetrachtung nicht allein die menschliche Sonderart der Weltbeziehung herausgehoben werden darf, als sei sie das Einzigartige schlechthin. Wir wollen auch die so verschlossene Eigenart anderer Wesen sehen, deren Leben weltweit sich abspielt, deren Wanderzug in einzelnen Fällen zweimal im Jahr von der Arktis bis nahe zur Antarktis führen kann. Und ich müßte an das noch unbekannte Orientierungssystem vieler Wanderfische erinnern, an die rätselhafte Meerfahrt der großen Wale, an die der Robben, die nach Tausenden von Kilometern auf hoher See den eng begrenzten Strand anpeilen, auf dem sie zur Welt gekommen sind. Angesichts dieser Einblicke wird es vielleicht deutlicher für uns alle, wie rätselvoll die Weltbeziehung des Lebendigen überhaupt ist, nicht allein die des Menschen.“
aus Adolf Portmann (1897-1982), „Welterleben und Weltwissen“, R. Piper & Co. Verlag München, 1964

Zum Nachdenken und Nachfühlen (3)

„Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß,
wie Wolken schmecken.“
Novalis (1772-1801) 

Wir haben einige Zeit gebraucht und sie öfter lesen müssen, bis uns aufgegangen ist, dass diese wenigen Worte zu den schönsten gehören, die uns Dichter hinterlassen haben. Der viel zu früh verstorbene Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, ist nicht unbedingt leichte Kost. Aber er hat uns, trotz der wenigen Jahre, die er hatte, wahre Köstlichkeiten hinterlassen.
Es dauert zum Glück nicht mehr all zu lange, dann können wir die ersten Schmetterlinge wieder beobachten, die Zitronenfalter etwa, die zu den „Frühaufstehern“ unter den Tagfaltern gehören; können sie lachen hören, wenn wir uns Mühe geben. Und von den Wolken sollten wir ohnehin so oft wie möglich eine Kostprobe nehmen, jede schmeckt anders.

Zum Nachdenken und Nachfühlen (2)

„Wissenschaft genügt nicht um die Sprache der Natur zu verstehen. Für viele Menschen sind Poesie und Kunst verständlichere Dolmetscher der Natur als die Wissenschaft. Und der Lehrer, der an das Gefühl appelliert, kann seinen Schülern die großen Dinge der Natur näher und jene in ein lebendigeres, wachsendes Verhältnis zu denselben bringen...So verstanden, ist es ein schöner Gedanke, daß den Winter der rein verstandesmäßigen naturwissenschaftlichen Aufklärung ein sonniger Frühling der Naturfreude und Naturbefreundung vertreiben könnte, in dem der blütenreiche Kranz von körperlichem und gemütlichem Erleben und von Gedanken, den wir Naturgenuß nennen, von immer mehr Menschen in allen Ländern und zu allen Tagen und immer kundiger gewunden würde;...“
Friedrich Ratzel (1844-1904)

Merkwürdig aktuell sind sie, diese Worte, die der Geograph Friedrich Ratzel vor über einem Jahrhundert im Vorwort zu seinem Buch „Über Naturschilderung“ gefunden hat. Immer noch warten wir sehnsüchtig auf diesen sonnigen Frühling der Naturfreude und Naturbefreundung, der heute weiter entfernt zu liegen scheint als damals.  

Zum Nachdenken und Nachfühlen (1)

„Ich will damit keineswegs sagen, die Situation sei hoffnungslos. Naturschutzorganisationen und Umweltgruppen fangen an, die Bedrohung für die Natur zu begreifen, die aus dem Naturdefizit-Syndrom ersteht. Einige Einzelorganisationen, wie wir sehen werden, beschreiben bereits Wege zu einer Zusammenführung von Natur und Kindern. Sie wissen, dass Wissen über die Natur wichtig ist, aber auf lange Sicht hilft nur Leidenschaft, wenn wir retten wollen, was von unserem Naturerbe noch übrig ist...Leidenschaft kommt nicht per Video oder CD, Leidenschaft hat etwas mit der ganzen Person zu tun. Leidenschaft entsteht, wenn wir uns als Kinder die Hände in der Erde schmutzig machen; durch die grasfleckigen Ärmel wandert sie ins Herz. Wenn wir die Umweltbewegung und die Umwelt retten wollen, dann müssen wir auch und vor allem eine gefährdete Spezies retten: das Kind in der Natur.“
aus Richard Louv, „Das letzte Kind im Wald – Geben wir unseren Kindern die Natur zurück“, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2011

 

 

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